wiener perspektive / offene Künstler*innenplattform
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Zur Situation des brut Wien/Theater im Künstlerhaus, 1010 Wien

Paper zur Pressekonferenz vom 12. November um 10h


Vor dem brut Künstlerhaus, Karlsplatz 5, 1010 Wien (bei jedem Wetter!)

Podium: Claudia Bosse, Gin Müller, Marie-Christin Rissinger, Yosi Wanunu, KT Zakravsky

Teilnehmer*innen: 100


Wien, 12.11.2019


WIR fordern den sofortigen Wiedereinzug der freien Szene ins Künstlerhaus und die sofortige Wiederinstandsetzung des Hauses in einen bespielbaren Zustand. Das Theater im Künstlerhaus MUSS weiterbestehen, und zwar an dieser Adresse! WIR fordern die Einbindung von Künstler*innen in laufende Gespräche und Planungen für die Zukunft!

Über die Wiener Perspektive

Die Wiener Perspektive ist eine lose Vereinigung von Künstler*innen der freien Szene, die vor etwa zweieinhalb Jahren, als Reaktion auf die gleichzeitige Schließung von 3 Theaterbühnen in Wien gegründet wurde. Insbesondere die Intransparenz dieser Entscheidungen war hier ein entscheidender Impuls.

In den letzten zweieinhalb Jahren wurden Arbeitsgruppen gebildet und konkrete Ideen entwickelt, wie etwa der Fair-Payment-Code oder das artist commons Modell. Sowohl das Thema “Räume” als auch die Forderung nach der Teilhabe an Entscheidungsprozessen, die uns als Künstler*innen direkt betreffen, sind zentrale Anliegen.

Am 14. Juni 2017 fand im brut Wien, die letzte Vorstellung statt. Mit dem Versprechen, im Herbst 2018 in einem sanierten Haus die Wiedereröffnung zu feiern. Seither wird uns, den Künstlerinnen und Künstlern, immer wieder die Verschiebung dieser Wiedereröffnung mitgeteilt. Nunmehr wird das Ende des brut kolportiert.

Das Künstlerhaus ist ein historischer Ort für die Selbstorganisation von Künstler*innen!

Stellen wir uns vor, dass Künstlerinnen sich zusammenschliessen um gemeinsam vertreten zu sein in der Stadt. Stellen wir uns vor, dass diese Künstlerinnenvereinigung von einem Stadterweiterungfond gratis ein Grundstück erhält um ein wesentlicher Teil eines neu zu konzipierenden Innenstadtkernes zu werden. Stellen wir uns weiterhin vor, dass diese Künstlerinnengesellschaft gemeinsam ein Haus baut, palais-artig und in zentraler Lage, um selber darüber entscheiden zu können, wie die Werke, die sie produzieren der Öffentlichkeit gezeigt werden? Selbstbestimmung - und keine Kulturmanager*innen, die für Szenen entscheidet, sondern ein Künstlervereine. Erst Künstlerverein, dann Genossenschaft, jetzt GmbH und heute entscheiden Investoren über die historische Immobilie der Selbstorganisation.

Dieses Haus wurde 1868 eröffnet und vom Künstlerhausverein in Form einer Genossenschaft betrieben. Modelle von denen wir heute lernen könnten! Modelle der Kunstpräsentation von denen wir heute weit entfernt sind. Wenig später spaltete sich die Vereinigung, aber der Spaltung verdankt sie ein zweites wichtiges Bauwerk: die Sezession.

Dieses Ausstellungshaus, genannt Künstlerhaus, gebaut von und für Künstler*innen wurde 1882 mit zwei Anbauten erweitert: dem Deutschen und dem so genannten Französischen Saal. 1949 wurde das Kino im Deutschen Saal eröffnet. Ab 1973 ein multifunktionales Theater mit 186 Plätzen und eines der einzigen, bis heute mehrperspektivisch nutzbaren Theater der Stadt Wien. Ein avancierter architektonischer Versuch. Zunächst wurde der Ort bis 1985 an das Ensemble der Komödianten vermietet. Dann wurde der Vertrag gekündigt und von den Bundestheatern wie auch den Festwochen genutzt.

1985 wurde das Haus von der IG freie Gruppen 6 Tage lang besetzt. Man verwies auf die ursprüngliche Widmung des Raumes anlässlich der Vergabe des Theaters an die Komödianten knapp 10 Jahre zuvor, und darauf, dass es sich hier um eine autonome Produktionsstätte für freie Theaterarbeit handle. Die Bedrohung durch grössere Institutionen gab es auch damals: Am 29. November veröffentlichte die IG freie Gruppen folgende Erklärung:

“Das 'Aus' der 'Komödianten' betrifft somit (…) die gesamte österreichische Theateravantgarde und ihr Publikum. Wir verstehen das Bedürfnis des Burgtheaters, einen günstigen Spielort für kleinere Produktionen zu finden, als sein derzeitig genutzter 3. Raum es sein kann. [...] Auf das Heftigste verwahren wir uns jedoch dagegen, dass die Bundestheater, die uns eigentlich als Verbündete zur Seite stehen müssten, uns um die Früchte jahrzehntelanger kulturpolitischer Kämpfe bringen. [...] Wir erklären uns jederzeit in der Lage, das Künstlerhaustheater in selbstständiger künstlerischer und organisatorischer Leitung weiterzuführen."

1987 scheiterte eine Neubespielung  bei der drei Gruppen selbstverwaltet das Haus unter dem Namen “Politische Bühne Künstlerhaus” übernehmen wollten. Auch in den 80er Jahren wurden diesen selbstbestimmten Versuchen kein Vertrauen geschenkt. Dies hat sich bis heute leider nicht geändert! Zumindest aber beschloss die damalige Kulturstadträtin Ursula Pasterk, dass das Haus allen freien Gruppen Wiens als Spielort zur Verfügung stehen soll.  

1989 wurde der Theaterverein Wien gegründet, eine der Stadt Wien nahestehende Organsation und mit dem damals leerstehenden Konzerthauskeller vom damaligen Künstlerischen Leiter und Geschäftsführer Christian Pronay als dietheater zusammengefasst. Dieser wurde 2015 ohne Rücksprache mit der Szene vom brut aufgegeben.

Wir müssen auf der Geschichte für die Zukunft lernen und nicht alle neoliberalen Entwicklungen der Stadt- und Kulturpolitik anheim geben!

Die Haselsteiner-Realsatire

Bis 2016 war das Künstlerhaus im Besitz des Vereins “Künstlerhaus Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs”. Dann wurde es in den Besitz der “Künstlerhaus Besitz- und BetriebsGmbH” überführt. Teil dieser GmbH ist einerseits der Verein mit 26%, andererseits die “Haselsteiner Familien-Privatstiftung” mit 74% der Geschäftsanteile.

Wie genau kam es eigentlich zu dieser Überführung des ersten von Künstler*innen betriebenen Hauses in Wien in eine GmbH, bei der nun die Interessen der Künstler*innen selbst in die Minderheit geraten sind? Wie kam es in weiterer Folge dazu, dass die Vereinnahmung (untrennbar mit den Namen Klaus Albrecht Schröder und Hans Peter Haselsteiner verbunden) ein solches Ausmaß annimmt, dass nun das Theater im Künstlerhaus gänzlich geschluckt wird?

Seit Jahren war klar: Die notwendigen Renovierungen im Künstlerhaus sind vom Verein alleine nicht zu stemmen. Die Stadt Wien will sich diese Investition nicht leisten. Daraufhin stieg ein milliardenschwerer Investor ein, mit dem gönnerhaften Versprechen zu renovieren. Wie kann es sein, dass sich diese Privatstiftung, vertraglich dazu verpflichtet das Gebäude zu restaurieren und umzubauen, dann jedoch das brut als Mieterin und die Stadt für die Renovierungskosten des Theaters im Künstlerhaus aufkommen sollen?

Zunächst wurden diese Renovierungskosten für das Theater mit 2 Millionen Euro veranschlagt: 1 Million hiervon sollte das brut, die andere Million die Stadt Wien übernehmen. 1 Million Euro aus dem Budget einer Mittelbühne, aus einem Budget, das die Freie Szene mit Koproduktionsgeldern unterstützen soll. Wie viele Koproduktionen man mit einer Million Euro finanzieren, oder besser: nicht finanzieren kann, kann man sich ausrechnen.

Doch damit nicht genug. Die Renovierungskosten stiegen mal eben von 2 auf 5 Millionen. Wie kann es sein, dass im Einbringungsvertrag zwischen Verein und GmbH geschrieben steht, dass der Zustand des Hauses bekannt sei, dann jedoch Herr Haselsteiner gegenüber dem Standard die Budgetexplusion der Renovierungskosten für den Französischen Saal von 150% mit behördlichen Auflagen im Bereich des Brandschutzes begründet? Sind diese Brandschutzregelungen Herrn Haselsteiner oder der Strabag neu? Waren sie 2016 noch nicht bekannt?  

Wie kann es sein, dass eine solche “Restaurierung nicht ohne Einverleibung durch Milliardäre organisiert werden konnte?” Das hat sich schon Kerstin Kellermann, im SKUG gefragt. Dem können wir uns nur anschließen!

Die Stadt Wien hat übrigens (seit 2015) ein Vorkaufsrecht auf das Gebäude des Künstlerhauses. Könnten solche Mittel nicht als strategische Tools für eine beispielhafte, nachhaltig gedachte Stadtentwicklung genutzt werden - anstatt sich zurückzuziehen, privatem Geld und damit privaten Interessen den Vorrang zu überlassen und sich damit letztlich selbst ein Armutszeugnis auszustellen? Wird hier in Zukunft eine Privatstiftung mit Kunst- und Kulturgeldern von Bund und Land gefüttert?  

Für uns geht sich das schlicht und einfach nicht aus!

Aufruf

Eine Stadtpolitik, die sich Dezentralität auf die Fahnen schreibt, darf diese nicht nur geographisch denken! Dezentralität muss auch inhaltlich gedacht werden. Dieses interdisziplinäre Haus mit einer Bühne für experimentelle darstellende Kunst muss weiterbestehen und zwar an dieser Adresse. Kunstproduktion abseits der Hochkultur muss Platz haben im Zentrum dieser Stadt. Ihre Aufgabe ist es nicht, unattraktive Stadtviertel auszuwerten und damit einen Wert zu generieren, der allzu oft und allzu gerne von Immobilienfirmen abgeschöpft wird. Es kann nicht sein, dass das Stadtzentrum nur mehr ein Ort für Tourist*innen ist und zum Schnäppchenparadies für Milliardär*innen wird.

Künstler*innen organisiert euch! Wir müssen gemeinsam handeln, denn wir wollen diesen Ort nicht aufgeben! Das Künstlerhaus ist eine einmalige Anlage eines mehrdisziplinären Ensembles der Künste, die bisher mehr nebeneinander, aber in Zukunft miteinander agieren könnten.

Ein historischer Ort für die Selbstbestimmung von Künstler*innen! Diese Modelle wollen wir nicht aufgeben! Dieser Geist muss mit dieser Immobilie, die eben mehr als eine bloße Immobilie ist, verbunden bleiben!

Wir vermissen eine politische Position, die nicht den Investoren das Feld überlässt und symbolische Orte der Selbstorganisation von Bürger*innenintiativen und Künstlerinnen der neoliberalen Ökonomie überlässt.

Wir verstehen, dass die Stadt Wien und das brut andere Pläne haben. Unanhängig davon plädieren wir dafür, das Haus in seiner Tradition den Künstler*innen zur Verfügung zu stellen, für eine selbstorganisierte Praxis in der Tradition der Künstlervereine!

KUNST REIN - KÜNSTLER RAUS?

WEM GEHÖRT DAS ZENTRUM UNSERER STADT?



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